Eggen & Kanten von Mike Egger

Die FDP Schweiz will nach der Abstimmung über die 10-Millionen-Schweiz-Initiative die Wohnungsknappheit mit zusätzlichen Einzonungen bekämpfen. Gemeinden sollen wieder einfacher neue Bauzonen schaffen können. Das klingt auf den ersten Blick pragmatisch, setzt aber am falschen Punkt an. Denn die Wohnungsnot ist nicht in erster Linie die Folge von zu wenig Bauland. Sie ist die Folge eines aussergewöhnlich starken Bevölkerungswachstums. Wer darauf mit immer neuen Bauzonen antwortet, behandelt die Symptome statt die Ursache. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wo können wir noch mehr bauen? Sie lautet: Wie viel Bevölkerungswachstum verträgt die Schweiz überhaupt, ohne ihre Landschaft, ihr Kulturland und ihre Lebensqualität dauerhaft zu verlieren?
Wachstum treibt Wohnungsnachfrage
Seit 2000 ist die Bevölkerung der Schweiz um rund 1,9 Millionen Menschen gewachsen. Das entspricht mehr als 4x der Bevölkerung der Stadt Zürich. Für diese zusätzlichen Einwohnerinnen und Einwohner werden ständig mehr Wohnungen gebaut, Strassen erweitert und Schulhäuser erstellt. Jahr für Jahr entstehen zehntausende neue Wohnungen. Trotzdem bleiben die Leerwohnungsziffern tief, während die Mieten vielerorts weiter steigen. Der Grund ist einfach: Die Nachfrage wächst schneller als das Angebot. Solange die Bevölkerung ungebremst zunimmt, werden neue Wohnungen rasch wieder belegt. Die Forderung nach zusätzlichen Bauzonen wird deshalb immer wieder von Neuem gestellt werden.
Schweiz als Singapur der Alpen?
Die Schweiz ist mehr als ein Wirtschaftsstandort. Sie lebt von ihrer einzigartigen Landschaft, von ihren Dörfern und Kleinstädten, von ihren Naherholungsgebieten und von ihrem fruchtbaren Kulturland. Wer immer mehr Flächen einzont und überbaut, verändert den Charakter unseres Landes dauerhaft. Die Schweiz darf nicht zu einem Singapur der Alpen werden, in dem jeder freie Quadratmeter früher oder später verbaut wird. Von 2009 bis 2018 entstanden über 180 km2 neue Siedlungsflächen, was etwa der doppelten Fläche des Zürichsees entspricht. Was einmal überbaut ist, bleibt überbaut. Kulturland, Landschaft und Freiräume lassen sich nicht beliebig vermehren. Gerade deshalb hat das Schweizer Volk mehrfach einer Raumplanung zugestimmt, die einen haushälterischen Umgang mit dem Boden verlangt. Dieses Prinzip leichtfertig aufzugeben, wäre ein schwerer Fehler.
Versorgungssicherheit benötigt Kulturland
Der Verbrauch von Kulturland ist nicht nur ein landschaftliches Problem. Er betrifft auch die Versorgungssicherheit unseres Landes. Die Schweiz kann ihre Bevölkerung schon heute nicht vollständig mit eigenen Lebensmitteln versorgen. Seit 2000 ist der Anteil der inländisch produzierten Nahrungsmittel von 62 % auf 50 % im Jahr 2024 gesunken und Jahr für Jahr verschwinden weitere Landwirtschaftsflächen. Fruchtbarer Boden ist eine begrenzte Ressource. Ist er einmal überbaut, steht er der Lebensmittelproduktion nicht mehr zur Verfügung. Gerade in einer Zeit geopolitischer Unsicherheiten sollte die Schweiz ihre besten Landwirtschaftsflächen schützen und nicht als Baulandreserve betrachten. Hinzu kommt: Die bereits bestehenden Bauzonen verfügen weiterhin über erhebliche Reserven. Das Problem ist deshalb nicht ein genereller Mangel an Bauland, sondern die stetig steigende Nachfrage nach Wohnraum.
Mehr Vernunft statt mehr Beton
Viele Bürgerinnen und Bürger haben mit ihrem Ja zur Nachhaltigkeitsinitiative oder ihrer Zustimmung zu deren Anliegen zum Ausdruck gebracht, dass sie sich Sorgen über das starke Bevölkerungswachstum machen. Wer meint, das Thema sei erledigt, weil es bei der Abstimmung nicht für eine Mehrheit gereicht hat, täuscht sich. Diese Sorgen verschwinden nicht einfach. Die Herausforderungen bleiben dieselben: steigende Mieten, knapper Wohnraum, zunehmender Verkehr, überlastete Infrastrukturen und wachsender Druck auf Natur und Landschaft. Unser Land stösst immer häufiger an seine Grenzen. Wer daraus den Schluss zieht, wir müssten einfach noch mehr Land überbauen, verwechselt Ursache und Wirkung. Die Schweiz braucht keinen Wettlauf um immer neue Bauzonen. Sie braucht den Mut, die eigentliche Ursache der Wohnungsnot anzugehen.
Die Lösung liegt nicht in immer mehr Beton, so wie es die FDP offenbar will. Gefragt ist eine Politik, die unsere Lebensgrundlagen schützt, bestehende Reserven sinnvoll nutzt und das Bevölkerungswachstum wieder an die Möglichkeiten unseres Landes anpasst.
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Nationalrat Mike Egger (Jahrgang 1992) wurde 2012 in den St. Galler Kantonsrat gewählt und rückte 2019 für Toni Brunner in den Nationalrat nach. Neben seinem politischen Engagement ist der ausgebildete Fleischfachmann heute stellvertretender CEO der MALU Holding AG. An der Fachhochschule Graubünden hat er sich zum Executive Master of Business Administration weitergebildet. Er ist Mitglied der nationalrätlichen Kommission für Umwelt-, Raumplanung- und Energie (UREK-N).



